Ein Signal ertönt und die Schranken schließen sich. Autos müssen warten in IJlst. Autos sind zweitrangig, Boote beherrschen das Bild dieser kleinen Stadt in Friesland. Im 5-Minuten-Takt öffnet sich die Brücke. Segelboote und Motorboote. Große Boote und kleine Boote. Ein ständiges Kommen und Gehen.

Unzählige Wasserwege durchziehen die Landschaft. Verbinden nicht nur die Seen, sondern auch die Orte, führen mitten in die Zentren der Städte in Fryslan, wie die Provinz Friesland offiziell heißt. So unterschiedlich die Orte IJlst und Sneek auch sind, beide liegen sie an so einem Wasserweg. Beide gehören sie zu den 11 friesischen Städten auf der Strecke der berühmten Elfstedentocht.

ijlst

Nur 15 Mal fand dieses beinahe 200 km lange Rennen auf Natureis in seiner über 100-jährigen Geschichte statt. Jeden Winter fiebert die ganze Niederlande mit, ob das Eis auf den Kanälen und Seen dick genug wird, damit endlich wieder Schlittschuh gefahren werden kann. Beinahe 17.000 Teilnehmer waren es bei der letzten Elfstedentocht im Jahr 1997.

Eis gibt es an diesem warmen Sommertag nur in den Eisbechern der Gäste, die auf der Terrasse des Restaurants neben der Brücke sitzen und dem Treiben auf dem Wasser zuschauen. Aber wenn man im Restaurant, das auch unser Hotel ist, etwas genauer hinschaut, kann man doch Hinweise auf das Eislaufen finden. Die alten Schlittschuhe, die von der Decke des Billardzimmers baumeln, vergilbte Fotos mit jungen Männern auf dem Eis, Medaillen an der Wand.

 

Malerisches IJlst

Der hohe Schornstein im Zentrum von IJlst gehört zur ehemaligen Fabrik Nooitgedagt, die größte der 24 Fabriken, in denen die typischen niederländischen Schlittschuhe aus Holz hergestellt wurden. Jetzt befindet sich ein Museum in der alten Fabrik, denn Schlittschuhe aus Holz braucht heute keiner mehr. Das Holz für die Schlittschuhe, aber auch für den Bau von Schiffen wurde in einer der drei Holzsägemühlen zugeschnitten, die es früher in IJlst gab. Eine davon, die Mühle De Rat, steht und arbeitet noch heute und steht Besuchern gegen ein kleines Eintrittsgeld offen.

geöffnete Brücke in IJlst

Mühle De Rat in IJlst

Auch entlang der Eegracht atmet das Städtchen IJlst, das zwar Stadtrechte aber nur knapp über 3000 Bewohner besitzt, Geschichte. Typische Backstein-Häuser säumen den Weg. Manche schon recht alt, wie das Haus 'De Messingklopper' mit dem Treppengiebel, das dort schon seit dem Jahr 1669 steht. Kübel mit bunt blühenden Blumen stehen vor den Türen. Die schmale gepflasterte Straße führt direkt am Haus vorbei. Erst dann kommt das Grün, die Overtuinen (Übergärten), für die IJlst so bekannt ist.

In den „Gärten über der Straße“ bleichten die Frauen früher die Wäsche in der Sonne. Auch als Lagerplatz für Material, das mit dem Boot über die Gracht gebracht wurde, waren die Gärten ideal. Heute wachsen dort Gemüse, Blumen und Gras und die Bewohner nutzen den Garten als Terrasse am Wasser. Üppig grüne Linden, deren Kronen tonnenförmig gestutzt sind, stehen dicht an dicht in einer Reihe und säumen das Grün rechts und links der Gracht. Malerisch.

Häuserreihe in IJlst

Eegracht in IJlst

 

Schiffe in Sneek

Nur 10 Minuten brauchen wir mit dem E-Bike von IJlst in die 10x größere Stadt Sneek. Die Atmosphäre ist auch entsprechend anders. Die Straßen sind breiter, das Treiben geschäftiger und das Grün etwas weniger. Aber Wasser und Boote gibt es auch hier. Die Stadsgracht rund um die Altstadt gehörte früher zur Stadtbefestigung und verlief außerhalb der Stadtmauer. Es gab mehrere Stadttore, aber nicht nur für die Straßen, sondern auch für die Wasserwege in die Stadt. Ein wichtiges Tor, das markante Waterpoort ist heute das Wahrzeichen der Stadt Sneek.

Als wir dort vorbei radeln, geht es im Wasser vor dem Tor gar nicht historisch zu. Es findet gerade die Solar Challenge statt und futuristische Boote, die mit Solarpanelen betrieben werden, versammeln sich für den Start des Rennens. Wir haben Glück und kommen gerade richtig zum Startsignal. Überrascht stelle ich fest, dass einige der Boote mit einer enormen Geschwindigkeit beschleunigen und im wahrsten Sinne des Wortes davonfliegen.

Waterpoort in Sneek

"Fliegendes" Solarboat in Sneek

Im Fries Scheepvaartmuseum, dessen Besuch heute auf dem Programm steht, rückt wieder die Historie in den Vordergrund. Man sieht es nicht auf den ersten Blick, aber dieses Museum im Zentrum der Stadt ist richtig groß. Die 32 Ausstellungsräume sind in mehreren miteinander verbundenen Häusern untergebracht, zum Teil sehr modern und zum Teil historisch. Für Kinder gibt es unter dem Dach ein eigenes Kindermuseum, in dem es genug zu tun und zu entdecken gibt.

Wer Schiffsmodelle mag, wird dieses Museum lieben. Es gibt sie in allen Größen und aus allen Zeiten. Aber auch wer wie ich, nach einigen Modellen genug hat, kommt auf seine Kosten, denn das Museum ist so vielseitig, dass für jeden etwas Interessantes dabei ist.Wissenswertes über den Schiffsbau und die Seefahrt. Stilecht eingerichtete Räume mit Möbeln und Gegenständen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Kunst und Kunsthandwerk aus Sneek und Umgebung. Und natürlich kommt auch der Eislauf und die Elfstedentocht nicht zu kurz.

Auch über die Geschichte von Sneek und seine Bewohner kann man viel Wissenswertes finden. So erfahre ich, dass sich über Jahrhunderte Deutsche in Sneek angesiedelt haben, die dort z.B. als Textilhändler arbeiteten. Einige davon waren sehr erfolgreich und bauten große Konzerne auf. Clemens und August Brenninkmeijer, die Urväter von C&A waren zwei davon.

Schifffahrtsmuseum in Sneek

Kindermuseum im Scheepvaartsmuseum in Sneek

Nach dem Museumsbesuch bietet Weduwe Joustra gleich nebenan eine Stärkung der besonderen Art. Dieser Laden mit nostalgischer Einrichtung ist das Herzstück der Firma Beerenburg, die den bekannten Kräuterlikör gleichen Namens herstellt. Das historische Haus kann besichtigt werden, man kann die Kräuterliköre probieren und wenn man möchte, auch kaufen.

Für uns geht es aber ohne Stärkung wieder aufs Rad und zurück nach IJlst. Denn auf uns wartet schon das nächste Erlebnis in Fryslan. Ihr dürft gespannt sein!

sneek joustra 

Infos 

Fries Scheepvaartmuseum, Kleinzand 16, Sneek

Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 10 - 17 Uhr, Sonntag 12 - 17 Uhr

Eintritt: Erwachsene 6,- Euro, Kinder (6 bis 18 Jahre) 2,- Euro

In jedem Saal gibt es die Informationen auch auf Deutsch. Eine zusätzliche Audio-Tour wird für 1,50 Euro angeboten.

 

Hotel in IJlst: Stadsherberg 'Het Wapen van IJlst'*

Das gleichnamige Restaurant im Ortszentrum vermietet einige nette Zimmer im Anbau. Es gibt bequeme Betten, ein Badezimmer mit Dusche und etwas kleinem Waschbecken, TV und gratis Internet. Und im Zimmer ist alles vorhanden, um sich eine Tasse Kaffee oder Tee zuzubereiten. Ein leckeres Frühstück gibt es am Morgen im Restaurant.
Mir hat es gut gefallen und ich kann eine Übernachtung rundherum empfehlen.

 

Hinweis: Der Besuch von IJlst und Sneek war Teil einer Recherchereise, bei der ich freundlicherweise von Beleef Friesland und dem Niederländische Büro für Tourismus & Convention unterstützt wurde.


 

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Kommentare  
#1 Katharina 2014-08-06 09:20
Danke für den tollen Artikel, Simone!! Ich muss unbedingt nochmal nach Friesland ;-).

groetjes aus Berlin
Katharina
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