„Wenn Du 16 bist, willst du dort nur weg“, erzählt mir Kim Heinen, die jetzt die internationale Presse in Rotterdam koordiniert. Sie muss es wissen. Sie ist dort aufgewachsen.

In dieser Lebensphase hat man wohl auch wenig Interesse an der Historie dieser Stadt. Keinen Blick für die Stadtmauer, die so wunderschön in das Stadtbild integriert ist und für die Kirche, die über allem zu thronen scheint.

Zugegeben das Nachtleben ist auch heute noch etwas eingeschränkt in dieser Hansestadt, aber am Tage versprüht Zutphen einen Charme, der mich sofort in den Bann zieht und mich nicht mehr loslässt.

zutphen hansestadt

Wenn Steine sprechen könnten, hätten sie in Zutphen einiges zu erzählen.

Schon seit mehr als 1700 Jahren wird dieser Ort bewohnt. Den Anfang machten die Germanen oder besser gesagt die Franken, die sich in der Römerzeit am Ufer der IJssel niederließen. Uneingeladen und ohne jegliches Benehmen überfielen die Wikinger Zutphen im 9. Jahrhundert und sorgten damit dafür, dass Graf Everhardus van Hamaland eine große Ringwallburg anlegte. Noch heute kann man die runde Struktur auf dem Stadtplan gut erkennen.

Weniger subtil, regelrecht unübersehbar ist die Sint Walburgiskerk, deren Ursprung rund um das Jahr 1050 liegt. Gebaut wurde sie vom Bischof Bernold van Utrecht, vermutlich aus Freude darüber, dass er kurz davor die ganze Stadt Zutphen geschenkt bekam. Übrigens vom deutschen Kaiser Heinrich III, der sich in dieser Zeit in der Stadt niedergelassen hatte.

Über Jahrhunderte wurde die Kirche, die bis zur Reformation im 16. Jahrhundert katholisch war, umgebaut und es wurden neue Teile angebaut. Auch der berühmte niederländische Architekt P.J.H. Cuypers war Ende des 19. Jahrhunderts verantwortlich für eine große Restauration.

Die Sint Walburgiskerk in Zutphen

Die Stadtmauer, die zusammen mit der Kirche ein perfektes Fotomotiv abgibt, wurde im 13. und 14. Jahrhundert rund um die Stadt gebaut. Zutphen war inzwischen reich, nahm teil am florierenden Ostseehandel und war Mitglied der Hanse. Ein großer Brand war Anlass, dass die Stadt den Bau von Häusern aus Stein subventionierte und damit dafür sorgte, dass man bis heute Kaufmannshäuser aus dem Mittelalter in der Altstadt von Zutphen bewundern kann.

So ungefähr jedes Gebäude in Zutphen steht unter Denkmalschutz, dementsprechend gibt es viel zu entdecken. Marjolein Gönner, die uns durch die Stadt führt, hilft uns dabei. Nicht überall ist die historische Stadtmauer so deutlich sichtbar, wie bei der Kirche. Manchmal muss man auch erst hinter ein Gartentürchen blicken, um die versteckteren Stücke der Mauer, die kunstvoll in ein Wohnhaus integriert wurden, zu entdecken.

Überall in der Stadt sind die alten Gemäuer und Gebäude wunderschön restauriert und mit der neueren Stadtstruktur verwoben. Dadurch enststeht ein spannender Mix aus Alt und Neu, das Zutphen einen unglaublichen Charme verleiht.

zutphen stadtmauer

zutphen stadtmauer2

Vorbei an mittelalterlichen Türmen, durch Gassen und Höfe gehen wir weiter zum Flüsschen Berkel, das sich durch die Stadt windet, bevor es in die IJssel mündet. Hier liegen die Fluisterboten oder Flüsterboote, wie man sie im deutschen wohl nennen würde. Flüsterleise fahren sie die Touristen durch die Grachten und Flüsse der Stadt und zeigen Zutphen aus einer ganz anderen Perspektive.

Eine Flüstertour muss traumhaft schön sein, habe ich mir sagen lassen. Dieses Erlebnis muss ich aber auf ein andermal verschieben, die Kapitäne haben heute leider schon Feierabend. Nur noch ein paar Enten sind auf der Berkel unterwegs und schwimmen durch das Berkelpoort. Dieses Wassertor bot schon im Jahr 1320 Booten einen Durchlass durch die Stadtmauer und damit Einlass in die Stadt.

Berkelpoort in Zutphen

Wir bekommen jetzt Einlass ins Huize van Kasteele, ein spätmittelalterliches Patrizierhaus gleich gegenüber der großen Walburgiskirche. Ab dem Jahr 1568 wurden dort Waisen untergebracht und ab 1930 dann Senioren.

Uns wird dort in einem wunderschönen Saal ein unglaublich leckeres Wild-Menü zum Abendessen serviert. Kerzenlicht schafft eine sehr schöne Atmosphäre fürs Essen, aber leider ein sehr schlechtes Licht für Fotos. So müsst ihr euch das Trio von Entenlebermouse, Wildschwein-Proscuitto und Rehsalami zur Vorspeise, das Hasenrückenfilet auf einem Bett von Trüffelpasta und Limonenschaum als Hauptgang und das lauwarme Schokoladentörtchen zum Dessert, einfach vorstellen. Und ja, es ist so köstlich, wie es sich anhört.

Satt und zufrieden muss ich mich Gott sei Dank nicht mehr groß bewegen. Im Anbau sind 71 Hotelzimmer untergebracht und in einem davon darf ich mich jetzt zur Ruhe begeben.

  Das Huize van Kasteele, das jetzt ein Hotel beherbergt

Praktische Infos

Touristenbüro VVV / TIP, Houtmarkt 75-77, Zutphen

Hier starten auch die Stadtführungen um 13.30 Uhr (Dienstag bis Sonntag)
Auch Führungen auf Deutsch sind möglich, dafür muss man sich vorher aber anmelden. Kontaktdaten findet man auf der Website der Stadswandeling Zutphen.

Abfahrt Flüsterboot: Rijkenhage 1, Zutphen
Von 1. April bis zum 31. Oktober, täglich 11, 13 und 15 Uhr
5,- Euro für Erwachsene und 3,- Euro für Kinder von 4 bis 9 Jahren

 

Übernachten

Es gibt 2 Hotels in Zutphen, das Fletcher-Resort etwas außerhalb und das Hampshire Hotel `s-Gravenhof, in dem ich war und das sich im Huize van Kasteele mitten im Zentrum befindet.
Beides sind 4-Sterne-Hotels, wobei das Zimmer, das ich bewohnte, für diese Kategorie eigentlich zu klein und zu spartanisch eingerichtet war. Aber es ist sauber, das Bett ist gut, es gibt gratis WLAN, einen Fahrradverleih im Hotel und das Frühstück ist lecker – was braucht man mehr?!

 

Zum Thema Hansestädte gibt es im Nach-Holland-Blog auch:

In den Gassen von Zutphen

die Altstadt von Zutphen

 

Hinweis: Der Besuch von Zutphen war Teil einer Pressereise, die vom Niederländische Büro für Tourismus & Convention und Stichting Achterhoek Toerisme organisiert wurde.


 

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Kommentare  
#1 Thilo 2014-09-09 20:42
DAS sind die Geheimtipps, die den Blog so lesenswert machen und ich auch fast jeden Beitrag lese! Weiter so!
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#2 Simone 2014-09-10 07:52
Herzlichen Dank Thilo, DAS freut mich riesig.
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#3 Jutta 2014-09-10 19:32
Wie gut, dass ich nicht mehr 16 bin: Zutphen nehme ich mit Kusshand! So eine schöne Stadt! Habe ich schon erzählt, dass die Berkelschiffer früher von meiner Heimatstadt Vreden bis nach Zutphen gefahren sind, um Handel zu treiben? Ich sollte mich nun auch endlich einmal nach Zutphen aufmachen! Schön zu lesen sonnige Grüße, Jutta
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#4 Simone 2014-09-11 08:14
Haha, ja mit 16 hat man einfach andere Prioritäten. Das mit den Berkelschiffern wäre auch eine schöne Geschichte. Mach mal Jutta :-)
Lieben Gruß über die Grenze, Simone
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#5 Katharina 2014-09-11 10:27
Danke für den tollen Artikel Simone! Zutphen muss definitiv auf meine to-do-Liste... nicht nur weil der Name Cuypers fiel ;-).

groetjes
Katharina
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