Ein Gastblog von Richard Thalgott vom Fotoblog snea.nl

Ein Jahr bevor ich nach Holland gezogen bin hat mir ein Geschäftspartner zugeflüstert: „Tue den Holländern und dir einen Gefallen, wenn du hierher ziehst. Lern die Sprache, das finden die Menschen sympathisch."

Das hat mir Eindruck gemacht und mich so berührt, dass ich, als wir ein Jahr später nach Holland gezogen sind, als erste Priorität hatte, die Sprache zu lernen.

richard thalgott stokjes"Stokjes" von Richard Thalgott

Meine Frau ist Holländerin aus Alkmaar. Wir haben 13 Jahre zusammen in Italien gelebt und dort sind auch unsere 2 Töchter geboren worden, die dann mit Deutsch, Holländisch, Italienisch und Englisch (das ich mit meiner Frau immer gesprochen habe) aufgewachsen sind. Wenn Holländisch gesprochen wurde, habe ich die Zeit genutzt um mich zurückzulehnen und einfach mal nichts verstehen zu müssen. Das habe ich eisern durchgehalten. Mein Wortschatz, als ich in Holland ankam, war auf schatje, lekker und kaas begrenzt.

 

Holland ist ja bekanntlich das Land, wo jeder Kassierer/in Englisch spricht und man mit Deutsch jede lebensbedrohliche Situation galant meistern kann. Holländer kommen einem meist mit der Sprache schneller entgegen, als man es schafft, es auf Holländisch zu probieren. (Das hilft nicht beim Holländisch lernen).

Ich denke immer, es hat etwas mit der Geschichte zu tun: Die Holländer sind Händler, Kaufleute mit langer Tradition. Der Andere ist immer die Chance, einen neuen Handel abzuschließen. Das Unbekannte ist immer die Chance auf ein neues Geschäft.

Das ist für mich auch ein großer kultureller Unterschied zu uns Deutschen, wo wir doch die meiste Zeit damit beschäftigt sind, unseren Gartenzaun etwas höher zu bauen – das scheint tief in unseren Genen zu sitzen. So lachen die Holländer gerne über unsere Sandburgen, die wir an den Stränden, um uns herum, bauen (Kuilen). Dafür bauen holländische Kinder beim ablaufenden und steigenden Wasser Dämme, Kanäle und Seen :-), sage ich dann mit einem Lachen!

richard thalgott water en hout"Water en hout", Richard Thalgott

Das Phänomen, das Deutsche erleben, wenn sie nach Holland kommen und sich verständigen wollen, ist vertrackt: Man versteht doch irgendwie etwas – und will am liebsten mitreden – aber wenn man dann selber den Mund aufmachen will, kriegt man kein Wort raus.

So ging es mir, beim Einkaufen an der Kasse, an der Bar, an der Patatjes Bude, im Fahrrad Shop… ich fühlte mich, als hätte ich einen Sprachfehler und sicher wie ein Fremder.

 

Ausbildungsinstitute und Kurse sind in Holland so allgegenwärtig wie in Deutschland Bäckereien, nach einigen Preisvergleichen und Institutsbesuchen (Tonus war bei allen Gesprächen: für deutsche ist Holländisch lernen einfach), habe ich mich für einen günstigen Kurs eingeschrieben, bei dem ich das Staatsexamen in Holländisch machen konnte: Einbürgerungsniveau oder sogar Universitätslevel. Veranstalter war das Horizon Kollege in Alkmaar.

Die folgenden 3 Wochen verbrachte ich mit Südamerikanern, Ukrainern, Spaniern, Somaliern, Italienern und Türken in einem Kurs, um den Satz zu lernen „WAAROM BEN JIJ IN NEDERLAND“ und eine passende Antwort aus einer Multiple-Choice Liste zu geben. Ich konnte tiefes Mitgefühl für die Italienerin empfinden, die aus “Perchè sei in Olanda” “Waarom ben je in Nederland” in ihren Kopf kriegen musste, dazu noch die Aussprache…. Aber als Deutscher hatte ich bald einen absoluten Frustlevel erreicht.

Dazu kam, dass ich durch meinen Fokus aufs Sprachenlernen, ständig mehr von dem verstand, was in meiner Umgebung gesprochen wurde. Die Kluft zu dem, was ich selber sagen konnte, schien immer größer zu werden (typisch für Deutsche die Holländisch lernen – weiß ich nun).

richard thalgott - raam"Raam", Richard Thalgott

In meiner Verzweiflung habe ich meine Tante in Freiburg angerufen. Sie ist Belgierin und bringt dort deutschen Holländisch bei – früher unterrichtete sie im Goethe Institut in Amsterdam Holländisch für Deutsche (wusste ich nicht) und hat ein Buch bei Langenscheid zu dem Thema publiziert. Sie hatte die erlösende Antwort: Deutsche müssen Holländisch von jemandem lernen, der beide Sprachen spricht und die Unterschiede erklären kann. Alleine oder in Kursen speziell für Deutsche.

Als Deutscher ist es, als ob du Steine, Fensterrahmen und Ziegel hast, um ein Haus zu bauen, dir aber der Zement fehlt, um alles zusammenzusetzen. All die kleinen Worte, die man braucht, um Sätze zu machen: aan, van, op, onder, boven, naast, met, zonder, worden, kunnen, zeggen, hebben – sie klingen alle irgendwie bekannt, aber sind doch so anders, dass es das Sprechen unmöglich macht.

Sie sagte auch, Holländer müssen Grammatik pauken, wenn sie Deutsch lernen wollen. Die haben wir als Deutsche zum Glück im Gepäck, wenn wir Holländisch lernen – wir müssen Verben und “Wörtchen” pauken.

 

Ja! – das fühlte sich nach der Lösung an. Ich sagte den Kurs ab und machte mich auf die Suche nach einem Lehrer.

 

Die „Bieb“ (Bibliothek) in Alkmaar ist ein wunderbarer Ort. Sie hat Preise gewonnen für ihren Style – ein kultureller Veranstaltungsort, offen, hell, mit freiem Wifi und einem Café mitten im Stadtzentrum. Hier gibt es auch die Initiative Taalhuis, wo sich Ausländer mit Niederländern treffen können, um ihre Sprachkenntnisse aufzubessern. Über die Leiterin vom Taalhuis habe ich meinen “Professor” gefunden – eine Erlösung.

Mein Professor ist ein pensionierter Lehrer und hat in seiner zweiten Laufbahn in vielen Sprachschulen gearbeitet und gelehrt – natürlich Deutsch. Er spricht selber perfekt Deutsch, hatte deutsche Großeltern, bei denen er viel Zeit seiner Kindheit verbracht hat, und liebt die deutsche Kultur. Er pflegte zu sagen: “Die Niederländer sind echte Freunde der Deutschen” – schön.

 

Mein Unterricht wandelte sich schlagartig und mein Fortschritt war für alle, die mich umgaben, unglaublich. Ich habe niederländische Lieder gesungen, manche Worte bis zum Verzweifeln ausgesprochen (der Unterschied zwischen V und W, ist noch immer nicht sauber zu hören), Verben gelernt und viel, viel vorgelesen und erzählt.  Ich habe über die Holländer gelernt, ihre Kultur und Marotten, so kam langsam auch der Spaß auf, mich hier unter die Leute zu mischen und hier zu arbeiten.

 richard thalgott, wow"Wow!", Richard Thalgott

Eines meiner Lieblingswörter, das den Unterschied zwischen deutschem und holländischem Wahrnehmen am besten lebendig werden lässt, ist:

“valt mee” – heißt so viel wie “es geht” oder “geht so”

Die wörtliche Übersetzung ist eines, die Anwendung für einen Deutschen nicht greifbar:

Wie groß ist der Supermarkt? „valt mee“

Wie war dein Wochenende? „valt mee“

Wie viel verbraucht dein Auto? „valt mee“

Wie groß ist dein Hund? „valt mee“

Wie teuer war das Essen? „valt mee“

War es kalt gestern? „valt mee"

 

Ganze Konversationen können so sehr intensiv geführt werden, Gefühle / Zustände / Maße einfach alles kann abgehandelt werden. Alle Beteiligten scheinen sich Wichtiges mitzuteilen. Mein deutscher Verstand kann damit nicht viel anfangen: „Was ist hier nun die klare Ansage?“ 

Hier ist der Niederländer flexibler und arrangiert sich auch mit den Konsequenzen:

Wie viel Benzin ist noch im Tank? “valt mee”

Wie genau ist die Tankanzeige? „valt mee“

An der nächsten Ecke bleibt der Wagen stehen – dann schiebt man ihn zur Tankstelle….

War das weit? „valt mee“

Habt ihr viel Zeit verloren? „valt mee!“

Da tut eine entspannte Herangehensweise gut! Die habe ich inzwischen sehr zu schätzen gelernt.

richard thalgott - good old times"Good old times", Richard Thalgott

Ich arbeite nun seit einem knappen Jahr in Holland und lebe mit meiner Familie in dem schönen kleinen Städtchen Alkmaar, das außer dem berühmten Käsemarkt am Freitag, vieles zu bieten hat. Ich genieße die Gelassenheit und das Flair der Stadt, fange das gerne über Fotos ein, die ich in meinem Fotoblog über Alkmaar und Umgebung (www.snea.nl) hin und wieder veröffentliche.

 

Hier noch ein paar No-Gos (valt NIET mee), die man als (deutscher) Tourist vermeiden sollte:

  • Protzen
  • Besserwisserisch sein
  • Zu weit aufs Meer rausschwimmen, sodass der Rettungsdienst kommen muss
  • Auf Radwegen parken und laufen
  • Die Sandburg oder Kuhle am Strand wird kein “Privatbesitz” für den gesamten Urlaub

Viel Spaß in Holland! ...Und lern ein paar Worte Holländisch!

 


"Herzlichen Dank Richard für diesen schönen Artikel und die tollen Fotos. Deine Erfahrungen beim Niederländisch lernen kann ich absolut bestätigen."

Schaut euch noch mehr Fotos von Richard an mit dem wunderbaren Blick fürs Detail und klickt in seinen Foto-Blog snea.nl.

Und natürlich bin ich auch an euren Erfahrungen beim Niederländisch lernen interessiert. Wie habt ihr die Sprache gelernt und was ist euer Tipp für Neu-Auswanderer?


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Kommentare  
#1 ghanoum 2017-03-15 10:15
haha ,valt mee, wel leuk verhaal. succes in Nederland.
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#2 Sandra FreshEigelb 2017-05-03 22:05
Groooßartig!
Wunderbar geschrieben.
"valt mee" ... großes Kino.
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#3 Tanaseen 2018-09-17 19:33
Danke für den bildhaften Bericht zum Sprachenlernen :)
Ich arbeite (noch) in Deutschland und wohne am Wochenende mit meinem Partner in Julianadorp. Da ich so schnell wie möglich Niederländisch lernen will, könnte ich auch einen Mentor brauchen. Gibt es deinen noch?
Leibe Grüße und danke für die Hilfe.
Theresia
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#4 Chris@Holland 2018-11-07 08:47
Sehr nette Seite hast du!
Also eigentlich kann man "Valt mee!" nur auf Fragen antworten, die man mit ja oder nein beantworten könnte...
Zum Beispiel:
War das Wetter denn so schlecht?
Ist dein Hund sehr groß?
War das Essen teuer?

groetjes! chris@holland
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